EARL GREY - Jörg's Homepage

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Jörg Hunger
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CCGS EARL GREY

Wie nur komme ich dazu, dass ich ein kanadisches Küstenwachschiff bauen will? Ich habe ja überhaupt keine Beziehungen zu Kanada.
Manchmal spielen einfach viele Zufälle zusammen und plötzlich "erwischt" es einen und man wird von einer Idee richtiggehend gefangen genommen.

Der Anfang der Geschichte beginnt tragisch.  Nachdem ich nach der Pensionierung wieder mit dem Modellbau begonnen habe bin ich dem Aargauischen Schiffsmodellbau-Klub beigetreten, da ich die letzten 25 Jahre Modellbau-Geschichte verpasst habe und mir da Hilfe erhoffte.  Nur wenige Monate später ist der Klub-Präsident Rolf Haldemann unerwartet verstorben und er hinterliess eine beinahe unüberschaubare Menge an Schiffsmodellen in allen Baustadien die nun Abnehmer suchten.  Darunter war ein imposantes Modell im Rohbau, welches sofort meine Aufmerksamkeit weckte, da ich vor allem an Funktionsmodellen interessiert bin.

Bei dem Schiff handelte es sich um die Earl Grey, ein sogenanntes Multifunktionsschiff, leichter Eisbrecher (bis 60cm Eis Dicke) und Tonnenleger der kanadischen Küstenwache.



Allerdings musste ich bald feststellen, dass dieser Rohbau aus 2 Gründen für mich nicht in Frage kam:

1.  Der Massstab von 1:40 resultierte in einer Länge von 175 cm, definitiv zu gross für mich.

2. Ausser einer Serie von aus dem Internet heruntergeladenen Bildern gab es keine Pläne.

Im Weiteren wich auch die Rumpfform im Bereich unter der Wasserlinie stark vom Original ab.

Damit war das Projekt für mich gestorben, aber damit vielleicht jemand anderer vom Klub das Schiff weiterbauen kann wollte ich nach Bauplänen für das Schiff suchen. Die Ausbeute war mehr als mager und alle Nachfragen bei der kanadischen Küstenwache blieben unbeantwortet. Wie ich von verschiedener Seite erfuhr, bekommt man da von Schiffen, die noch im Einsatz sind keine Informationen. Die Werft, die das Schiff gebaut hat existiert schon lange nicht mehr.  Mittlerweile war ich aber vom Virus "Earl Grey" schon infisziert, zumal ich inzwischen auch einen Bezug des Schiffs zur Schweiz gefunden habe. Die Earl Grey war unter anderem bei der Suche nach den Trümmern von Flug SR111 vor Halifax beteiligt. Nebst duzenden von Fotos und Videos waren bisher die einzigen verwertbaren Unterlagen ein rudimentärer Seiten- und Deckplan sowie die generelle Spezifikation von CCGS und der Wikipedia-Eintrag (https://en.wikipedia.org/wiki/CCGS_Earl_Grey ). Letzterer brachte mich dann aber ein Stück weiter, da hier von einem Schiff der gleichen Klasse die Rede war, der Samuel Risley. Damit konnte ich meine Suche ausweiten, da die beiden Schiffe zum grossen Teil baugleich waren, obwohl sie in verschiedenen Werften gebaut wurden.

Über die Samuel Risley landete ich dann den Glückstreffer, per Bildsuche konnte ich einen Kontakt zu einem pensionierten, professionellen Modellbauer herstellen der - man glaubt es kaum - für den Direktor der Werft 1985 den Auftrag für ein Standmodell im Massstab 1:100 bekam, da es das letzte in dieser Werft gebaute Schiff war.  Er beantwortete meine Anfrage, ob da ev. noch Pläne vorhanden sind und erklärte, dass die Firma nun von seinen Söhnen geleitet werde, die sich auf Automodelle spezialisierten. Aber er meinte, im Archiv sollten noch Pläne vorhanden sein, er werde mal nachschauen! Danach war ein paar Monate Pause und ich hatte meine Hoffnung schon verloren, als plötzlich Mail um Mail eintrudelten mit insgesamt 26 eingescannten Plänen. Er entschuldigte sich noch, dass die Qualität so schlecht sei und er habe die verblassten Linien nach Möglichkeit nachgezeichnet! Auf die Frage nach den Kosten meinte er, dass er die Pläne ohnehin schon lange hätte scannen sollen, da sie sonst bald nicht mehr lesbar wären. Ich habe mich dann mit einem "fetten" Victorinox-Messer bedankt, was ihn sehr freute und wir sind immer noch in regelmässigem Kontakt.

Es waren natürlich keine Modellbaupläne sondern Werkpläne mit Handskizzen ergänzt.  

             



Am schmerzlichsten war das Fehlen der Spantenrisse, insbesondere da das Schiff doch eine etwas spezielle Form unterhalb der Wasserlinie aufweist. Die Rekonstruktion der Spantenrisse hat mir viel "Schweiss und Tränen" abverlangt, da ich nur wenige Bilder des Schiffs im Trockendock fand auf denen man die Form des Rumpfs erahnen konnte. Mit Hilfe der Software DelftShip  habe ich dann die selbst erstellten Spanntenrisse so lange zurecht gebogen, bis der Vergleich mit den Fotos einigermassen zufriedenstellen war.



Der hintere Bereich nach Kiel-Ende habe ich in DelftShip nicht gut hinbekommen, allerdings kann ich dort sowieso nicht mehr mit Spanten arbeiten und muss das Heck aus dem Vollen schnitzen.


               

Übrigens:  2015/2016 wurde die EARL GREY einem „Life Extension Programm“ unterzogen, wo u.a. ein neuer, grösserer Bow-Thruster eingebaut wurde. Diese Arbeiten wurden von Davie Shipbuilding erledigt, eine Nachfrage führte auch hier ins Leere.

 
Bei der weiteren Planung musste ich leider feststellen, dass die erhaltenen Pläne für den Modellbau nur bedingt nutzbar sind, insbesondere stellte ich fest, dass z.B. die Masse in der Profilansicht nicht mit den Abmessungen von Detailplänen übereinstimmen. Auch bei den Decksansichten ergaben sich Unstimmigkeiten, so stimmten Auf-/Niedergänge oder Steigleitungen/Kaminrohre nicht übereinander. Es wird also notwendig sein, viele Details anhand der Fotos zu erstellen, was wiederum problematisch ist, da das Schiff schon 2 grösseren Revisionen unterzogen wurde und die meisten Fotos im Internet nicht datiert sind.

Oktober 2020
Aufgrund praktischer Überlegungen (Grösse, Gewicht) habe ich mich für den Massstab 1:75 entschieden.


Mittlerweile werde ich versuchen, die Gesamtansicht des Schiffes in Detailzeichnungen umzusetzen um mit dem Bau der Superstruktur zu beginnen. Aufgrund der Erfahrungen mit der Seabex One werde ich besonders auf die gute Zugänglichkeit zu allen Funktionsteilen achten. Da dies aber mein erstes selbst konstruiertes Schiff ist wird das zu einer grossen Herausforderung für mich – mit Potenzial zum Scheitern!
Ausgehend von diesem Plan beginnt mein Abenteuer.




Das erste Problem habe ich mit dem Rumpf, in der 3D Software habe ich es nicht geschafft, das Heck des Schiffs einigermassen korrekt hinzubekommen.



Daher habe ich mich nun für ein anderes Vorgehen entschieden. Ich baue einen Testrumpf im Masstab 1:150 und versuche, das Heck entsprechend zu modellieren. Davon könnte ich dann die einigermassen korrekten Spantenrisse ausmessen und in die endgültige Grösse umrechnen.



Baubericht 1:150         è zum Baubericht 1:75
   





Der Versuch brachte allerdings kein verwertbares Resultat und so widmete ich etwas frustriert den relativ komplizierten Aufbauten mit all den schrägen Wänden meine Aufmerksamkeit.

 
Auch hier war der erste Versuch für die «Tonne».


 

Der 2. Versuch stimmte besser, und als ich das so anschaute kam mir der Gedanke, dass ich nach all den bisherigen Bemühungen das Schiff eigentlich in beiden Massstäben, 1:75 und 1:150 bauen könnte. Gesagt – getan! Das bedingt natürlich auch, dass das 1:150 «Vormodell» so detailliert - wie es mir mit den beschränkten Mitteln möglich ist - gebaut werden soll. Diese Baugrösse bringt mich allerdings an die Grenzen meiner motorischen Fähigkeiten!!

 
Wie bei mir üblich, muss auch bei dem kleinen Massstab eine minimale Beleuchtung vorhanden sein. Ich habe in den Aufbau die folgenden, einzeln schaltbaren Kreise vorgesehen:

 
-        Positionslichter grün/rot und Toplicht
 
-        Nachtbeleuchtung innen und aussen
 
-        2 Suchscheinwerfer
 
 




 
Als nächstes habe ich den Kran in Angriff genommen. Auch der sollte minimale Funktionen bekommen. Aufgrund der engen Platzverhältnisse im Rumpf wird sich zeigen ob die angedachten Funktionen – Kran drehen – Ausleger heben/senken – und Scheinwerfer realisierbar sind.  

 
 
 


 
 
 
Auf das Heben/Senken des Hackens verzichte ich, da dazu sowieso kein Platz vorhanden ist.
 
 
Dann folgte der dritte Versuch für den Rumpfbau unter Einbezug der bereits vorhandenen Decksplatten. Die Beplankung erfolgte mit Flugzeugsperrholz und einem Balsaklotz im Bug.

 
 
 
 
 
Dann spachteln, schleifen, spachteln, schleiffen, …….
 
 
 

3
 
 
 
Dann folgten die Details, welche bekanntlich zeitmässig meist masslos unterschätzt werden.
 


 
 
Infolge der knappen Platzverhältnisse musste ich die Ruderhörner  speziell anfertigen.
 

 

 
 
Die Lampenpodeste mit den eingebauten Mini-SMD-LED.
 

 

 
 
Die Prallschutz-?Dinger? aus 1,5mm Polistyrol.
 

 
Die Kortdüsen und die eingeharzten Stevenrohre.
 
Dann war es Zeit für etwas Farbe und langsam sieht man, was es werden soll. Viele Details in diesem Massstab sind schon eine ziemliche Herausforderung für mich. Es fehlen aber noch viele Detail auf den Decks, Reling, Ankerwinde, Poller,  Rettungsgeräte etc. und dann auch noch die ganze Technik im Inneren.


 
Die Platzverhältnisse für die Technikkomponenten waren allerdings beschränkter als geplant und wenn vorhanden, am falsche Ort. So musste ich akzeptieren, dass der Kran nicht funktionstüchtig gemacht werden kann, da unter dem Sockel schlicht kein Platz vorhanden war um die geplanten Seilzüge zu verlegen, abgesehen davon fand sich auch kein Platz für die nötigen Servos.

 
Trotz dem noch einige Details fehlen (teilweise Reling, Winden, kleiner Kran vorne) habe ich schon mal eine Testfahrt gemacht. Das Boot ist etwas kopflastig und braucht noch etwas Gewicht möglichst zuunterst im Rumpf. Die Geschwindigkeit ist passend und es lässt sich gut steuern (ausgenommen prinzipbedingt bei Rückwärtsfahrt). Eventuell werde ich doch noch einen Mixer für die Motorsteuerung vorsehen.

 
Alles in allem gefällt mir das Boot gut, es ist stimmig und dürfte ziemlich einmalig auf europäischen Gewässern sein!





 
 
 
Nachtfahrt mit Positionslicht (weisse LED am vorderen Mast leider defekt)


... mit Aussen- und Innenbeleuchtung (schaltbar)


… mit Suchscheinwerfern (schaltbar)
 
Leider hatte ich bei der Verdrahtung etwas "gepfuscht", weshalb beim ersten Einschalten das Positionslicht am vorderen Mast und die Scheinwerfer am Kranarm nur kurz aber heftig brannten (Vorwiderstände vergessen), das Schiff muss also gleich wieder in's Trockendock!   



Baubericht 1:75            è zum Baubericht 1:150
 
 
Parallel zum Bau der 1:150 Version beginne ich auch mit der 1:75 Version, sobald die kleine Version stimmig ausschaut. Das Problem ist ja, dass ich von den Aufbauten keine brauchbaren Pläne habe und deshalb vieles anhand von Fotos interpretieren muss.



Die sog. Superstruktur oder der Brückenaufbau im Rohbau.
 
Im Gegensatz zur 1:150 Version sind in dieser Version wesentlich mehr Detail geplant.
 





 
 
© by Jörg Hunger   =   Aktualisiert am 25.05.2021   =   Heute ist     =   Es ist jetzt Uhr   

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